journal article·2022-09Open access

Die Schwierigkeit der Nachhaltigkeit

Vincent Oettel

Beton- und Stahlbetonbau· Volume 117· Issue 9

Abstract

Das Wort „Nachhaltigkeit” ist heutzutage in aller Munde. Die einen verhalten sich nachhaltig, die anderen sind nachhaltig und es gibt sogar welche, die Nachhaltigkeit finanzieren. Im täglichen Leben könnte man meinen, dass mittlerweile alles nachhaltig geworden ist. Aber ist Nachhaltigkeit wirklich so einfach? Vor kurzem wurden Plastikstrohhalme verboten. Als Alternative werden nun Papierstrohhalme verwendet. Hier würde man meinen, dass es sich um eine nachhaltige Alternative handelt, da Papier grundsätzlich umweltfreundlich und biologisch abbaubar ist. Mittlerweile wissen wir aber, dass – aufgrund der Herstellung und des damit einhergehenden Verbrauchs von Wasser, Chemie und Energie – bei einmaliger Verwendung und anschließender Entsorgung ein Papierstrohhalm eine ähnliche Umweltbilanz wie ein Plastikstrohhalm aufweist. Bessere Lösung: Kein Wegwerfprodukt sondern „Mehrweg” verwenden – also Strohhalme aus Aluminium oder Glas. Doch wie viel Wasser, Chemie, Energie etc. wurde bei deren Herstellung verwendet und wie oft muss dieser Strohhalm genutzt werden (inklusive Berücksichtigung der Reinigung und späteren Entsorgung), damit er dann nachhaltig ist? An diesem Beispiel zeigt sich ganz anschaulich, dass wir hinsichtlich der Verwendung des Wortes „Nachhaltigkeit” vorsichtig agieren müssen. Damit etwas nachhaltig ist, muss der gesamte Lebenszyklus und hierbei viele verschiedene Aspekte berücksichtigt werden, da eine vermeintlich nachhaltige Lösung sich ansonsten sehr schnell als „genauso schlecht” oder sogar als „schlechter” erweisen kann. Doch was bedeutet dieses alles nun für ein nachhaltiges Bauen? Im Bauwesen müssen wir aufgrund der verbauten Massen an vielfältigen Ressourcen, der hohen Energieaufwendungen, der Individualität der Bauwerke und der längeren, schwer abzuschätzenden Lebensdauer weitaus mehr Aspekte betrachten, berücksichtigen und beleuchten als bei einem Strohhalm. Hierzu gibt es bereits vielversprechende Ideen, Ansätze und Arbeiten. Jedoch stehen wir erst am Anfang, da wir zunehmend das gesamte Ausmaß der Herausforderungen für nachhaltiges Bauen zu verstehen beginnen. Erschwerend kommt der Zeitfaktor hinzu, da wir bereits täglich die Auswirkungen der Klimakrise und des jahrelangen Raubbaus sehen und erfahren und wir diesbezüglich viel mehr unternehmen müssen. Die einzige Möglichkeit, die hochgradige Komplexität des Bauwesens nachhaltig zu gestalten, ist der frühzeitige wissenschaftliche Austausch über die Grenzen der einzelnen Fachdisziplinen hinaus. Wir müssen von Anfang an disziplinübergreifend denken, kommunizieren und agieren. Hiermit meine ich nicht nur den wissenschaftlichen Austausch mit z. B. Architekten und Bauphysikern, sondern vielmehr auch mit Biologen, Chemikern, Produktionstechnikern, Energieingenieuren etc. Nur so können wir eine echte Nachhaltigkeit im Bauwesen und damit eine zeitnahe Verbesserung für uns und unsere Umwelt erreichen. Wir sollten es unbedingt versuchen! Vincent Oettel Prof. Dr.-Ing. Vincent Oettel Institut für Massivbau der Leibniz Universität Hannover
Source: openalex_inverted_index · Quality: baseline

Research context

OpenAlex topics: Civil and Structural Engineering Research · Environmental Science and Technology · Corporate Social Responsibility and Sustainability

SciVX discovery tags are terminology-based. OpenAlex topics are source-provided classifications.

Affiliations

Institut für Massivbau Leibniz Universität Hannover

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